Interview mit Diplom-Sozialpädagogin Andrea Mänz zum Thema barrierefreies Wohnen

18.12.2017 14:50 von Trendbad24-Blog

Aeltere Frau putzt sich im Badezimmerspiegel die Zähne

Ob aus Altersgründen oder nach einem Unfall: Für die meisten Menschen wird das „barrierefreie Wohnen“ früher oder später ein Thema. In jüngeren Jahren möchten sich verständlicherweise die wenigsten mit dem Problem auseinandersetzen, doch hier gilt: besser gestern als heute aktiv werden. Gerade beim Hausbau sollte ein barrierefreies Bad im Optimalfall bereits mitgeplant werden. Worauf es bei der Planung und Umsetzung eines barrierefreien Badezimmers ankommt und welche Möglichkeiten der Finanzierung Ihnen zur Auswahl stehen, erfahren Sie im Interview mit Andrea Mänz FD Altenhilfe vom Senioren- und Pflegestützpunkt Niedersachsen im Landkreis Nienburg/Weser.. 

Die Arbeit der Senioren- und Pflegestützpunkte

Trendbad24: Frau Mänz, Sie sind im Senioren- und Pflegestützpunkt der Altenhilfe im Landkreis Nienburg/Weser tätig. Beschreiben Sie doch bitte einmal, womit Sie sich in Ihrem Job täglich befassen.

Portrait von Andrea MänzAndrea Mänz: Meine Arbeit umfasst sehr unterschiedliche Aufgaben. Ich führe Beratungen rund um das Thema Altenhilfe und -pflege entweder bei uns im Büro oder auf Anfrage auch bei den Personen zuhause durch. Dabei geht es häufig um das Thema Wohnberatung – in unserem Landkreis gibt es elf ehrenamtliche Wohnberater – aber auch darum, über finanzielle Hilfe zu informieren, Überprüfungen durchzuführen, Termine zu organisieren oder die Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen. Unser Ziel ist es, die Selbstständigkeit und Lebensqualität von Senioren zu bewahren und zu fördern. Jeder Landkreis bzw. kreisfreie Stadt in Niedersachsen kann für einen solchen Stützpunkt jährlich bis zu 40.000 Euro Landesförderung beantragen.

Die Beratung ist für jeden kostenlos, wir sind neutral und beraten immer individuell. Zur Wohnberatung gehören übrigens auch die AAL-Systeme (altersgerechte Technik-Assistenz), die es älteren Menschen und Menschen mit Handicap ermöglichen, so lange wie es geht selbstbestimmt in ihren eigenen vier Wänden zu leben – z.B. durch intelligente Hausnotruf-Systeme, Medibox, Herdsensor, Türen- und Fenstersensoren.

Trendbad24: Barrierefreiheit ist momentan ein großes Thema geworden, das viele Menschen interessiert. Könnten Sie als Expertin noch einmal genau definieren, was Barrierefreiheit im Alltag eigentlich bedeutet?

Andrea Mänz: Das ist ein sehr großer Bereich, der viel mehr beinhaltet, als man zunächst vielleicht denkt. Gerade wenn man jung ist denkt man natürlich oft noch nicht daran, dass einen dieses Thema irgendwann selbst betreffen kann. Allgemein ist unter Barrierefreiheit alles zu verstehen, was das Wohnen erleichtert und dabei hilft, Dinge unkompliziert zu erreichen. Die meisten denken dabei an Rampen statt Treppen o.ä., was ja auch richtig ist, aber über andere bauliche Veränderungen in der Wohnung oder im Haus – wie dem barrierefreien Bad – sind sich viele Menschen weniger bewusst. Aber Barrierefreiheit spielt natürlich auch in anderen Bereichen des Alltags eine Rolle, wie zum Beispiel bei Freizeitangeboten oder einer gut lesbaren Schrift und einfachen Sprache bei Formularen.

Richtlinien zum barrierefreien Bauen

Trendbad24: Speziell für das barrierefreie Bauen wurde im Jahr 2012 eine Norm eingeführt. Welche Norm ist das und was genau definiert diese, bzw. welche Voraussetzungen muss ein barrierefreies Bad erfüllen?

Andrea Mänz: Diese Normen definieren die baulichen Vorschriften, wie z.B. Türen und Fenster, Bedienelemente, Bodenbeläge, Bewegungsflächen, Rampen, Treppen, mit denen ältere Leute und Menschen mit Handicap ihr Leben einfacher und besser gestalten können. Die neue Norm von 2012 hat u.a. das barrierefreie Bad in den Mittelpunkt genommen,

  • z.B. dass die Tür im Bad nach außen aufgehen muss, oder alternativ eine Schiebetür eingebaut werden sollte,
  • die Bewegungsfläche vor Einrichtungen im Sanitärraum muss mindestens 1,20m x 1,20m groß sein und mit einem Rollstuhl muss der Bewegungsradius 1,50m x 1,50m betragen.
  • Bewegungsflächen dürfen nicht überlagern und es muss eine bodengleiche Dusche mit den Maßen 1,20m x 1,20 bzw. – bei Rollstuhlfahrern – 1,50m x 1,50m vorhanden sein.

Trendbad24: Wann und warum sollten Menschen sich in Ihren Augen (spätestens) mit barrierefreiem Wohnen befassen?

Andrea Mänz: Am besten so früh wie möglich, eine körperliche Einschränkung kann schließlich Jeden treffen. Im Endeffekt wird es natürlich besonders wichtig, sich damit zu beschäftigen, sobald man baut. Aber auch beim Umzug in eine andere Wohnung sollte Barrierefreiheit bedacht werden, damit später keine Umbauten notwendig werden. Ich möchte grundsätzlich alle Bürger – jeden Alters – ansprechen und dazu animieren, darüber nachzudenken, wie sie auf lange Sicht wohnen möchten.

Finanzierungsmöglichkeiten für Umbaumaßnahmen

Trendbad24: Gibt es Möglichkeiten, barrierefreies Bauen oder einen Umbau bezuschussen zu lassen?

Andrea Mänz: Ja, es gibt natürlich einige Fördermöglichkeiten. Abhängig vom Einkommen und Vermögen des Antragstellers, kann ganz oder teilweise ein Zuschuss oder ein zinsgünstiges Darlehen möglich sein. Mögliche Kostenträger sind das Sozialamt, Versorgungsamt, Hilfen für Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene (§ 27 BVG Bundesversorgungsgesetz), Krankenkassen (Heil- und Hilfsmittel §27 SGB V), die Unfallversicherung (Berufsgenossenschaft), kommunale Sondermittel, KfW Förderprogramme, Landesförderung.

In der Regel werden entsprechende Umbaumaßnahmen jedoch, vor allem bei älteren Personen, über die Pflegekasse finanziert. Hierfür ist mindestens der Pflegegrad 1 notwendig, um die 4.000 Euro zu erhalten. Wichtig ist, dass man zuerst den Antrag stellt und keinesfalls vorher mit dem Umbau beginnt. Der Antrag bei der Pflegekasse sollte sorgfältig und unter Angabe von Gründen und mit Bildern des Objekts gestellt werden. Man muss explizit sagen, welche Umbaumaßnahmen man möchte. Daraufhin schickt die Kasse einen Mitarbeiter zum Antragsteller nach Hause, der die Situation vor Ort begutachtet. Im Anschluss daran erhält der Antragsteller einen schriftlichen Bescheid. So ist jedenfalls der Ablauf bei uns in Nienburg.

Trendbad24: Gibt es ein oder mehrere übliche Finanzierungsmodelle für einen barrierefreien Umbau?

Andrea Mänz: Das wird oft individuell entschieden. Bei einem Pflegefall, also in der Regel älteren Personen, gibt es neben der Pflegekasse noch die Möglichkeit, es über die KfW-Bank oder die Förderprogramme der Bundesländer zu versuchen. Bei Unfällen springt unter Umständen auch die Unfallkasse ein.

Trendbad24: Welche Möglichkeiten hat ein Mieter, um sein Bad barrierefrei zu gestalten?

Andrea Mänz: Ganz wichtig ist: Wenn ich zur Miete wohne, muss ich bei baulichen Veränderungen immer erst den Vermieter fragen und seine Genehmigung einholen. Dies sollte unbedingt schriftlich geschehen, mindestens per E-Mail.  

Planung und Kosten

Trendbad24: Barrierefreies Bad – worauf muss man bei der Planung achten?

Andrea Mänz: Weitere Fragen sind: Verfügt die Duscharmatur über ein Thermostat, damit Verbrühungen verhindert werden können – wichtig bei Demenzkranken, die z.B. kein Wärmegefühl mehr haben. Ist das Waschbecken rollstuhlgerecht? D.h. ist der Spiegel in der Höhe verstellbar, sind Ablagen und Schränke gut erreichbar? Ist der Lichtschalter gut erreichbar? Sollen Seniorentoiletten eingebaut werden, die extra hoch und groß sind? Es gibt also viel zu beachten und das waren nur einige Beispiele.

Trendbad24: Was kostet ein barrierefreies Bad im Schnitt?

Andrea Mänz: Das kommt auf die erforderlichen Umbaumaßnahmen und die persönlichen Ansprüche an. Oft geht es vor allem darum, Toilette und Dusche barrierefrei zu gestalten und dann kommt man mit 4000 bis 5000 Euro schon gut hin. Der Sanitärinstallateur wird nach der Begutachtung in der Regel vorschlagen, was genau eingebaut werden kann. Aber mein Tipp ist auch hier, dies vorher noch einmal mit dem Vermieter abzusprechen. 

Trendbad24: Haben Sie noch einige Tipps für Planung und Bau bzw. Umbau eines barrierefreien Badezimmers, die aus Ihrer täglichen Erfahrung resultieren?

Andrea Mänz: Eine Umbaumaßnahme, in diesem Fall das Badezimmer, muss gut geplant sein. Hierfür sollte man gründlich recherchieren, welche Möglichkeiten es gibt. Man sollte beachten, dass die Türen und das Bad insgesamt groß genug ist, vor allem für den Rollator, dass ein rutschfester Fußboden gewählt wird und dass der Duschboden auch wirklich bodengleich ist, denn eine „bodengleiche“ Dusche mit 1 cm Höhe ist oft schon zu hoch. Ein Duschsitz an der Wand ist ebenfalls zu empfehlen. Es sollten außerdem verschiedene Haltegriffe angebracht werden können, hierfür muss im Vorfeld geklärt werden, ob die Wand auch tragend ist.

Trendbad24: Frau Mänz, vielen Dank für das Gespräch.


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